Die Macht der Bilder

Wolf Schneider © Bringmann Managemententwicklung www.wolf-schneider-sprachseminar.de

Wolf Schneider
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Einfache Wörter, schnörkellose Sätze, kraftvolle Vergleiche:
Jesus sagte in gewöhnlichen Worten ungewöhnliche Dinge.

von Wolf Schneider (mit freundlicher Genehmigung für mehner.info)

Es hat nie kein Mensch also geredet wie dieser!

Aramäisch hat Jesus gesprochen, nichts Geschriebenes hat er hinterlassen. Keiner der vier Evangelisten hat ihn sprechen hören1 – nur mündliche Überlieferungen haben sie gesammelt1, erst vierzig oder mehr Jahre nach der Kreuzigung aufgeschrieben und dabei ins Griechische übertragen; und mit der Verwandlung ins Deutsche scheint die letzte Verläßlichkeit dahin: Läßt sich nicht jeder Text durch zweifache Übersetzung ruinieren? (Ein chinesischer Germanist übertrug den Spruch „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ins Chinesische, ein deutscher Sinologe ihn ins Deutsche zurück – und wie hieß er nun? „Blind und auch noch geisteskrank“.)

1 Anmerkung: in diesem Punkt ist Deutsch! anderer Meinung – unserem Wissen nach haben die Evangelisten Jesus sprechen hören und kannten ihn persönlich.

So möchte man verzweifeln an der Chance, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie Jesus wirklich gesprochen hat. Doch Hoffnung gibt es auch: Was da mündlich überliefert wurde, war ja erstaunlich und großartig genug, um die Evangelisten zu motivieren und die Welt zu bewegen; und an die zweite sprachliche Verwandlung hat sich Luther, der König der Übersetzer, gemacht. Mit einer gewissen Behutsamkeit also darf man sich durchaus der Frage nähern, welcher rhetorischen Mittel Jesus sich bediente, um mit seiner Botschaft die Herzen zu erobern.

Die Mittel sind vor allem von dreierlei Art: einfache Wörter, schnörkellose Sätze, saftvolle Vergleiche. Das klingt simpel – und ist doch für den Sprecher das Schwerste und für den Zuhörer das Durchschlagendste auf der Welt.

Einfache Worte für ungewöhnliche Aussagen

Einfache Wörter: Das war schon damals weitab vom Sprachgebrauch der Schriftgelehrten, und heute, da man Doktorwürden nur mit Befindlichkeitspegeln und Paradigmenwechsel erwerben kann, ist es eine Sensation. „Wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr“ (Lukas 6,31). Ganze Sätze bestehen aus einsilbigen Wörtern: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ (Lukas 6,45), viersilbige Wörter sind schon selten (die Friedfertigen in der Bergpredigt), Wörter auf -keit die Ausnahme (die Herrlichkeit in Ewigkeit), Wörter auf -ät, -ion und -ismus, die Kainsmale akademisch-bürokratischer Abstraktion, kommen nicht vor. Welche Basis für Schopenhauers gloriose Stilregel: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge“.

 

Schnörkellose Sätze, geradeaus geschrieben, niemals überfrachtet: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Matthäus 7,7). Dieses aufgetan zeigt zugleich Luthers Rang. In der englischen Bibel heißt es nämlich: „Knock, and it shall be opened to you“ – was viel weniger Rhythmus hat; in der französischen Version gar: „Frappez, et l’on vous ouvrira“, und das ist Bildungssprache, als ob es auf deutsch hieße: „so wird euch geöffnet werden“. Nein: aufgemacht, würden wir heute sagen, aufgetan, schrieb Luther, und von eben dieser schlichten Kraft läßt sich vermuten, daß sie es ist, in der die Sprache Jesu durchschimmert.

Die Macht der Bilder

Das Auffallendste und Wirkungsvollste an ihr aber ist die Macht der Bilder und Vergleiche. „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe“ (Matthäus 7,15). „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und des Balken in deinem Auge wirst du nicht gewahr?“ (Lukas 6,41). „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen“ (Matthäus, 6,19).

Die Bilder können sich zu einer Drastik steigern, die uns erschreckt: „Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir“ (Matthäus 5,29). Und im Gleichnis vom Verlorenen Sohn spricht der Ältere, der fleißige Bruder: „Nun aber dieser dein Sohn kommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, hast du ihm ein gemästet Kalb geschlachtet“ (Lukas 15,30).

Die Gleichnisse sind eigentlich Lehrstücke, Kurzgeschichten, erzählt vor allem, um das als verwunderlich Empfundene anschaulich und annehmbar zu machen: daß der faule Sohn, der Herumtreiber, vom Vater gefeiert wird, als er heimgefunden hat, oder daß im Weinberg die Arbeiter, die erst in der letzten Stunde kamen, den gleichen Lohn empfangen wie die, „die des Tages Last und die Hitze getragen haben“ (Matthäus 20).

Da verschlägt es einem die Sprache

Ihren Urgrund hat die Bildersprache dort, wo der Sprechende ein Bild, das allen Zuhörern physisch sichtbar ist, unmittelbar in Worte verwandelt. Da deutet Jesus auf eine Münze mit dem Porträt des Kaisers, um die Pharisäer, die ihn „fangen“ wollten, mit dem Satz zu verblüffen: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Und die Pharisäer „verwunderten sich sehr und schwiegen stille“ (Lukas 19,26). Ja, Kinder lernen so begreifen, und Erwachsenen verschlägt es die Sprache. Die Knechte hatten recht, als sie sagten: „Es hat nie kein Mensch also geredet wie dieser“ (Johannes 7,46).

Matthäus kommentierte von sich aus die Sprache der Bergpredigt: „Denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten“ (7,29). Gewaltig: Das steht nicht in der englischen Bibelversion, sondern „wie einer, der Autorität hatte“ (as one having authority); nicht in der französischen, sondern „als hätte er Autorität“ (comme ayant autorité); und seit der EKD-Ausgabe von 1984 auch nicht mehr in der deutschen, sondern „er lehrte sie mit Vollmacht“.

Die Welt bewegen

Das ist merkwürdig. Inhaltlich dem griechischen Original näher als Luthers Wort, in Anlehnung an den Spruch, den Johannes überliefert hat: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat“ (7,16). Ist aber „Vollmacht“ nicht ein juristischer Begriff, der Bevollmächtigung verwandt – bewegt es sich also nicht auf einer Stilebene, die Luther nie betreten hat und nach allem, was wir wissen können, auch Jesus nicht? Sollte es Luther gelungen sein, Jesus gleichsam direkt zu übersetzen, unter Überspringung des Evangelisten und der EKD?

Denn gewaltig muß er gepredigt haben und nicht wie die Schriftgelehrten, damals, auf aramäisch – wie sonst hätte er die Welt bewegen können?

Wolf Schneider, Jahrgang 1925, ist Sprachkolumnist der Neuen Zürcher Zeitung und der meistgelesene Stillehrer deutscher Sprache („Deutsch für Profis“, „Deutsch für Kenner“, „Deutsch fürs Leben“). Schneider bezeichnet sich als „fröhlichen Atheisten“; die Bibel bewundert er als Sprachkunstwerk.

Buchtipps zur Luther’s Sprachkraft:

Alliteration, Assonanz, Reim in Der Bibel: Ein Neuer Beitrag Zur Wurdigung Der Luther’schen Bibelverdeutschung (1883)

Martin Luthers Übersetzungsstrategien bei der „Verdolmetschung“ des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen

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